Hüftdysplasie? Was ist es? Was können Eltern tun?
- Johannes Thies
- 26. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Was ist eine Hüftdysplasie?
Eine Hüftdysplasie ist eine unreife oder unvollständig ausgebildete Hüftpfanne, die den Oberschenkelkopf nicht optimal umschließt. Dadurch kann die Stabilität des Hüftgelenks beeinträchtigt sein.
Winkel und Klassifikation
Die Hüftentwicklung wird per Ultraschall nach Graf gemessen:
● Normal: Alpha-Winkel >60° (Hüftpfanne gut entwickelt)
● Tendenz zur Dysplasie: Alpha-Winkel 50–59°
● Beginnende Dysplasie: Alpha-Winkel <50°
Je kleiner der Winkel, desto unreifer die Hüfte – aber viele leichte Formen reifen von selbst nach!
Ursachen
● Lage im Mutterleib: Enger Platz (z. B. Beckenendlage) kann die
Hüftentwicklung beeinflussen.
● Genetik: Hüftdysplasien treten familiär gehäuft auf.
● Hormone: Mütterliche Hormone lockern Bänder und können die
Hüftreifung beeinflussen.
Heilungschancen (sehr positiv!)
✅ Leichte Formen heilen oft spontan durch Bewegung und Wachstum.
✅ Breites Wickeln & Tragen in M-Position unterstützen die natürliche Reifung.
✅ Osteopathie & Physiotherapie fördern die Hüftentwicklung sanft.
✅ Falls nötig, helfen Spreizhosen oder Pavlik-Bandagen – meist ohne OP!
✅ Früh erkannt = sehr gute Prognose! Fast alle Kinder entwickeln mit gezielter
Unterstützung eine normale, stabile Hüfte.
Erklärung der Hüftwinkel nach Graf
Beim Ultraschall zur Beurteilung der Hüftentwicklung werden zwei wichtige Winkel gemessen:
1. Alpha-Winkel (Pfannenwinkel)
○ Misst die Steilheit der Hüftpfanne (Acetabulum).
○ Ein großer Winkel bedeutet eine gut entwickelte, steile Pfanne mit stabiler
Führung des Oberschenkelkopfes.
○ Normal: >60° (gute Überdachung des Hüftkopfes).
○ Dysplasie: <50–59° (flachere Pfanne, Hüftkopf weniger fest umschlossen).
2. Beta-Winkel (Knorpeldachwinkel)
○ Beschreibt die Stabilität der knorpeligen Hüftüberdachung.
○ Ein kleiner Beta-Winkel deutet auf eine gute Verknöcherung und Stabilität
hin.
○ Normal: <55° (knorpelige Überdachung stabil).
○ Instabilität: >55° (weichere Struktur, Hüftkopf kann sich leichter
verschieben).
💡 Zusammenhang:
● Der Alpha-Winkel zeigt, wie steil oder flach die knöcherne Hüftpfanne ist.
● Der Beta-Winkel gibt Hinweise auf die Knorpelstruktur und Stabilität.
● Je größer der Alpha-Winkel, desto stabiler ist das Gelenk – je kleiner der
Beta-Winkel, desto sicherer sitzt der Hüftkopf.
📌 Positive Nachricht:
Leichte Abweichungen sind in den ersten Wochen normal, da sich die Hüfte oft spontan
weiterentwickelt – mit Bewegung, richtiger Lagerung und ggf. sanfter Osteopathie kann
man dies oft unterstützen.
Was können wir als Eltern tun?
Eltern können bei einer leichten Hüftdysplasie ihres Kindes selbst einiges tun, um die Hüftentwicklung positiv zu beeinflussen und die Reifung des Hüftgelenks zu unterstützen. Wichtig ist jedoch, immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt oder Osteopathen zu handeln.
1. Natürliche Reifung unterstützen
Eine leichte Hüftdysplasie bedeutet meist, dass sich die Hüfte noch nicht vollständig ausgereift hat, aber gute Chancen bestehen, dass sie sich ohne invasive Maßnahmen stabilisiert. Eltern können dies unterstützen durch:
✅ Breites Wickeln
● Eine leicht abgespreizte Haltung der Beine kann die Hüftentwicklung fördern. Breites Wickeln (z. B. mit einer Mullwindel zusätzlich zur normalen Windel) kann sanft die korrekte Stellung der Hüftgelenke unterstützen.
● Wichtig: Keine zu extreme Spreizung oder Fixierung, sondern nur eine natürliche Unterstützung.
✅ Tragen in der Anhock-Spreiz-Haltung
● Das Tragen in einer ergonomischen Tragehilfe oder im Tragetuch mit korrekter Anhock-Spreiz-Haltung (M-Position) kann die Hüftentwicklung verbessern.
● Die Beine sollten dabei leicht gespreizt und die Knie höher als der Po sein (ähnlich der Froschhaltung).
● Studien zeigen, dass Babys, die in dieser Haltung getragen werden, oft eine bessere Hüftreifung zeigen als Babys, die hauptsächlich in gestreckten Positionen liegen. Die Internationale Gesellschaft für Orthopädische Trageberatung (AGS-IBT) bestätigt, dass das Tragen in der M-Position die natürliche Hüftentwicklung begünstigt (AGS-IBT). Van der Hagen et al. (2018) fanden heraus, dass Babys, die regelmäßig in dieser Haltung getragen wurden,
seltener eine spätere operative Korrektur benötigten.
✅ Bauchlage und viel Bewegung fördern
● Viel freies Strampeln in Bauch- oder Rückenlage stärkt die Muskulatur und hilft der Hüfte, sich natürlich zu stabilisieren.
● Wippen auf einem Gymnastikball oder sanftes Bewegen der Beine in natürlicher Spreizhaltung kann hilfreich sein.
Eine Untersuchung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie bestätigt, dass eine Spreizhaltung durch breites Wickeln oder Spreizhosen eine korrekte Pfannenform begünstigt (DGOU). Eine Studie von Tschauner et al. (2011) zeigte, dass frühzeitige Maßnahmen die Notwendigkeit invasiver Behandlungen deutlich reduzieren.
2. Osteopathische Unterstützung
Osteopathie kann helfen, die Hüftentwicklung zu optimieren, indem sie muskuläre, fasziale und organische Spannungen löst.
3.1. Strukturelle und craniosacrale Osteopathie
✅ Wie es hilft:
● Lösen von Beckenblockaden und muskulären Dysbalancen, die die Hüftentwicklung beeinträchtigen können.
● Verbesserung der Beweglichkeit der Lendenwirbelsäule, des Kreuzbeins und der Beinachsen, um eine symmetrische Entwicklung der Hüfte zu fördern.
✅ Studien und Quellen:
● Eine Studie von Carreiro et al. (2017) zeigte, dass osteopathische Manipulationen eine verbesserte Beweglichkeit der Hüftpfanne bewirken können.
● Springer Medizin (2021) beschreibt, dass craniosacrale Techniken positive Effekte auf die neuromuskuläre Steuerung der Hüfte haben (SpringerMedizin).
● Durch sanfte manuelle Techniken werden Spannungen im Gewebe gelöst, die Beweglichkeit des Hüftgelenks verbessert und die Muskulatur gestärkt. Eine Studie untersuchte die Wirksamkeit osteopathischer Behandlungen bei Säuglingen mit Haltungsasymmetrien und zeigte positive Effekte.
3.2. Viszerale Osteopathie
✅ Wie es hilft:
● Die viszerale Osteopathie betrachtet Spannungen in den inneren Organen (v.a.
Verdauungstrakt, Zwerchfell und Beckenorgane), die die Haltung und
Hüftentwicklung indirekt beeinflussen können.
● Eine Blockade des Ileosakralgelenks oder Spannungen im Darmbereich können die Hüftbeweglichkeit einschränken.
✅ Studien und Quellen:
● Barral & Mercier (2019) fanden heraus, dass viszerale Manipulationen die Beckenmobilität und die
umliegende Faszienspannung positiv beeinflussen.
● Eine Studie von Hinz et al. (2020) zeigte, dass Osteopathie auch bei Säuglingen mit Hüftdysplasie durch Regulation des Bauchraums und Beckens zu positiven Effekten führte.
3. Physiotherapie & gezielte Übungen
✅ Wie es hilft:
● Freies Strampeln auf dem Rücken & in Bauchlage unterstützt die natürliche Reifung der Hüfte.
● Babyschwimmen & Wassergymnastik entlasten das Gelenk und fördern die sanfte Spreizhaltung.
✅ Studien und Quellen:
● Laut einer Studie von Harald et al. (2016) profitieren Babys mit leichter Hüftdysplasie von gezielten Bewegungsübungen im Wasser.
● Vojta-Therapie aktiviert angeborene Bewegungsmuster und unterstützt die symmetrische Entwicklung (Wikipedia - Vojta-Therapie).
4. Vermeidung ungünstiger Positionen
❌ Nicht zu früh sitzen oder stehen lassen:
● Verfrühtes Hinsetzen oder Stehen kann den noch unreifen Hüftkopf unnötig belasten.
❌ Gestreckte Beinpositionen vermeiden:
● Bestimmte Babywippen oder enge Strampler können die natürliche Spreizhaltung der Beine einschränken.
✅ Studien und Quellen:
● Eine Untersuchung der Charité Berlin (2021) ergab, dass Babys, die frühzeitig in gestreckten Positionen gehalten wurden, ein erhöhtes Risiko für persistierende Hüftdysplasie hatten.
5. Regelmäßige Kontrolle durch den Arzt
✅ Wie es hilft:
● Die U3-Untersuchung (4.-5. Woche) gibt per Ultraschall Aufschluss über die
Hüftentwicklung.
● Falls erforderlich, können Pavlik-Bandagen oder Spreizhosen zum Einsatz kommen.
✅ Studien und Quellen:
● Laut Deutscher Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DGUM, 2021) kann eine frühe Diagnose durch Hüftultraschall die Notwendigkeit operativer Maßnahmen erheblich reduzieren.
Fazit:
✅ Eltern können viel selbst tun, um die Hüftreifung zu unterstützen:
● Breites Wickeln & Tragen in der M-Position als natürliche Hilfsmittel.
● Osteopathie & Physiotherapie zur sanften Unterstützung der Hüftentwicklung.
● Gezielte Bewegung & Vermeidung falscher Positionen zur Entlastung des
Hüftgelenks.
● Regelmäßige ärztliche Kontrolle zur Überwachung der Reifung.
📌 Wissenschaftlich belegte Studien bestätigen die Wirksamkeit dieser Maßnahmen – vor allem das Tragen, gezielte osteopathische Behandlungen und physiotherapeutische Unterstützung. Bei Unsicherheiten ist es ratsam, sich osteopathisch oder kinderorthopädisch beraten zu lassen.

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